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Vom Ankommen, Abfahren und Bleiben

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Der Erfurter Bahnhof verändert seit sechs Jahren ständig sein Gesicht. Er soll für 90 Millionen Euro ein ICE-Bahnhof werden, der Erfurts Wirtschaft ankurbelt. In der Bahnhofshalle erzählt mir eine Alteingesessene, wie die Veränderung aus seinem Bauch heraus wahrgenommen wird.

Auf dem Bahnhof ist man immer ein bisschen fremd. Auch, wenn man täglich dieselbe Treppe rauf- und runterstolpert, einen hastigen Blick auf dieselbe Abfahrtstafel wirft, im Buchladen wieder vergeblich die letzte Le Monde ergattern will. In Erfurt scheint es mehr Le Monde – Leser zu geben, als es zunächst den Anschein hat.
Hat man den Zug verpasst, gilt es, sich die Zeit zu vertreiben.

Auf dem neu gestalteten hellen Bahnhofsvorplatz wartet ein langhaariger junger Velo-Taxifahrer auf Kundschaft. Viel los ist nicht. Zwei alte Männer mit Kaiser-Wilhelm-Mützen schlendern, der eine gestikulierend, der andere die Hände hinter dem Rücken verschränkt, in Richtung Bushaltestelle. Im Laufschritt eilt eine blonde, blau uniformierte Bahnangestellte ins frisch restaurierte Vorempfangsgebäude. Hinter dem sandfarbenen Bahnhofsgebäude aus dem 19. Jahrhundert erhebt sich die neue Bahnhofshalle, eine  – wie soll es anders sein – Stahl- und Glaskonstruktion, deren Dach anderthalb Fußballfelder misst. In ihrer kalten Transparenz steht sie in merkwürdigem Kontrast zum historischen Empfangsgebäude mit seinem markanten säulengestützten Vorbau. An der neuen Halle wird seit 2002 gebaut, noch im Sommer 2007 hieß es, zum Ende des Jahres sei sie fertig – solcherlei Aussagen sind im Falle des Erfurter Hauptbahnhofs jedoch mit Vorsicht zu genießen. An der Überdachungskonstruktion der hinteren Gleise wird auch im Sommer 2008 noch geduldig geschweißt und genietet.
Der Velo-Taxifahrer gibt auf und fährt unbesetzt ab, ein etwas verloren auf dem Platz stehender Mantelträger schaut ihm verstohlen nach. In der Glasfassade der Bahnhofshalle spiegelt sich der Gewitterwolkenhimmel, Wind kommt auf, ich gehe in den Bahnhof.

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„Auf’n Milchkaffee noch ’n bisschen Zucker und Zimt? Deckelchen?“
Im Café duftet es nach warmen Croissants und Kaffee. Ein wenig erinnert es mich an die drückende warme Luft der Pariser Metro, in deren Gängen hin und wieder eine Boulangerie auftaucht. Im Vergleich zu deren Preise sind der Kaffee und das belegte Baguette bei Simone auf der Erfurter Bahnhofsmall um einiges günstiger. Und gelbe Filzblumenuntersetzer für die Zuckerdosen gibt es auch nur bei ihr. Auf offene und herzliche Art bedient sie ihre Kunden. Als Dienstälteste hier hält sie seit neun Jahren ihren Verkaufsstand am Laufen und hat den gesamten Bahnhofsumbau miterlebt.

Schon in der Nachwendezeit kam eine ICE-Trasse von Nürnberg über Erfurt nach Berlin ins Gespräch – und damit auch ein Umbau des Erfurter Hauptbahnhofes in einen ICE-Bahnhof. Für die wirtschaftlich angeschlagene Region bedeutet dies einen willkommenen Ausbau ihrer Infrastruktur, der die Mitte Deutschlands und Europas den Unternehmen und Touristen schmackhafter machen soll. Die Idee wurde zum Projekt, dessen Kosten sich insgesamt auf rund 260 Millionen Euro belaufen, wovon knapp 90 Millionen für den Bahnhof veranschlagt sind. Zusammen mit dem Land Thüringen übernimmt die Stadt Erfurt rund 44 Millionen Euro – eine enorme Summe für eine Stadt, die erst 2002 nur knapp ihr Theater erhalten konnte, ihr Klinikum verkaufen und 250 Stellen in der Stadtverwaltung streichen musste.
Trotz der 400.000 Euro teuren Achterbahnfahrt, die der Bund als Mitfinancier der Trasse veranstaltet hatte – 1999, nach dem Regierungswechsel, hatten SPD und Grüne die Bauarbeiten zwischen Nürnberg und Erfurt gestoppt, drei Jahre später und mitten im Wahlkampf sicherte Kanzler Schröder doch wieder die Unterstützung vom Bund zu – hielten Stadt und Land hartnäckig an ihrem ICE-Bauvorhaben fest. Im Jahr 2000 begannen sie, langsam das Filetstück einzukreisen: Umbau des Busbahnhofes, Bau eines unter dem Bahnhof gelegenen neuen Parkhauses, dessen Einweihung schon 2001 stattfinden konnte. Seitdem die Bahn im September 2002 die Restaurierung des sogenannten Vorempfangsgebäudes abgeschlossen hat, kann, wer will, sich dort wieder in die vertrauten Schlangen vor dem Reisezentrum einreihen. Wer dann noch Zeit hat, kann gegenüber im Presseladen schmökern gehen.
Schließlich, im darauf folgenden Frühjahr und nach vielen stadtinternen Streitigkeiten um den Erhalt des historischen Erbes, verschwand binnen weniger Tage das gut hundertjährige Inselgebäude. Es machte einer riesigen Brachfläche hinter dem Vorempfangsgebäude Platz, auf welcher sich nun Bauarbeiter, gelbe Kräne, Schutt und viel Baumaterial ausbreiteten. Nebenan hetzten Passagiere der knapp 500 täglich verkehrenden Züge durch sommerlichen Staub und winterlichen Schlamm, schauten nicht nach rechts oder links, höchstens nach oben, wo in gefährlicher Höhe ein oder zwei Arbeiter am entstehenden Stahlgerippe ihre täglichen Kunststücke vollführten. Die Behelfsbahnsteige wurden begrenzt von Zäunen aus Sperrholz. Rote Plakate bewarben künftige Einkaufsmöglichkeiten. Doch das Interessante waren eher die beabsichtigten Gucklöcher im Zaun, welche die Voyeure unter den Bahnkunden zufrieden stellen sollten. Meiner Langzeitbeobachtung zufolge haben besonders ältere Herren das Angebot gerne angenommen.
Während die Bauarbeiter sich von Rentnern auf die Finger schauen ließen, harrte Simone auf dem Bahnhofsvorplatz in ihrem Container aus. Rückblickend sieht sie es gelassen: draußen sei es im Winter auch nicht kälter gewesen als in der alten Bahnhofshalle. Und der harte Winter von 2005 soll in der neuen Bahnhofshalle sogar noch frostiger gewesen sein, da es dort mangels automatisch schließender Türen „zieht wie Hechtsuppe“.
Drei Jahre sollte sich die Notlösung mit den Containern hinziehen. Offensichtlich hat sich das Café auch über diese unwirtliche Zeit seine Stammkunden erhalten. Der Schaffner, der neben mir stumm seinen Kaffee trinkt, greift zu einem bunt beklebten Gitarrenkoffer, nickt Simone zu und verschwindet in den Feierabend. Viele Bahner verbringen hier ihre Pausen, halten einen kurzen Schwatz mit Simone oder ihren Kolleginnen, essen und trinken etwas und fahren dann wieder quer durchs Land. Die kommen, so Simone, während ihrer Pausen, oder vor dem Dienst, rauchen eine oder trinken einen Kaffee. Früher öfter als heute, denn Zeit für Pausen ist auch bei Schaffnern knapp geworden: „Bei denen hat man auch die Daumenschrauben angezogen, das merkt man schon.“

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Während ich es mir an einem der drei kleinen hohen Tische auf meinem weißen Barhocker bequem mache und meinen Kaffee schlürfe, holt Simone im hinteren Bereich tiefgefrorene Baguettes aus der Tiefkühltruhe und stapelt sie auf ein Blech. Zwischendurch geht immer wieder der Blick nach vorn zur Theke. Eine Kundin in samtener Paisley-Muster-Jacke nähert sich, Simone ruft „Bin gleich da!“, es knistert und raschelt, sie schiebt die Baguettes schnell in den Backautomaten.

Als die Paisley-Jacken-Frau mit einem belegten Baguette Richtung Drogerie zieht, wischt Simone ihre Hände an der hellbraunen Schürze ab, tritt aus dem Verkaufsbereich ins Café und schaut mich erwartungsvoll mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich nutze die Gelegenheit und will mehr über ihren Arbeitsalltag an diesem Ort wissen. Sie beginnt zu erzählen: Sie habe den Eindruck, dass die Zahl der Reisenden zurückgegangen sei. Vielleicht, weil so viele Züge und damit Pendler Verspätung haben und das vor dem Arbeitgeber auf Dauer schlecht zu rechtfertigen sei. Vielleicht auch, weil Zug fahren „so unheimlich teuer“ geworden sei. Die Zurückhaltung der Leute beim Geldausgeben merke man auch im Laden: Früher hätten ihre Kunden morgens und abends bis halb 10 bei ihr gekauft, inzwischen versorgen sie sich häufig nur noch morgens mit Kaffee und Frühstückscroissants. Abends halb sieben sei schon nicht mehr viel los, eine Stunde später könne man „im Bahnhof die Bürgersteige hochklappen“. Ein Treffpunkt ist auch der neue Bahnhof nicht geworden; mit einem Einkaufszentrum, seit einigen Jahren der Ersatz für belebte öffentliche Plätze, kann es die Mall nicht aufnehmen. Keine Rentner kommen, um auf den Bänken sitzend dem Treiben zuzugucken, die Jugend trifft sich anderswo, der Rest eilt zur Arbeit oder nach Hause. Doch hin und wieder wird der Alltagstrott – und da blitzt der Schelm aus Simones Augen – aufgehellt, denn ungefähr alle zwei Jahre komme ein „traumschöner Mann hier lang“… Und bis zur ersehnten nächsten Begegnung freut sie sich, wenn die Kundschaft es früh morgens mit Freundlichkeit honoriert, dass sie, wenn auch noch ganz verschlafen, mit frischen Baguettes und Kaffee auf sie wartet und sich für sie müht.

Der Blick schweift auf die Mall, das Herzstück, bei Sonnenschein durch zwei große runde Deckenfenster natürlich beleuchtet. Seit 2005 sitzen hier 30 Geschäfte, darunter eine Apotheke, ein Tabakgeschäft, sogar ein Friseur, eine Fleischerei sorgt für Thüringer Flair, am Obststand kann man sich außer an Bananen und Äpfeln auch an frischem Erdbeer-Banane-Orangensaft und Milchreis laben, in der Crêperie nebenan plärren Radioklassiker, deren Titel einem nie einfallen und die man doch bis auf die letzte Note im Kopf behält, parallel läuft stumm ein Nachrichtensender auf dem Bildschirm.
Viele Betreiber haben schon 2002 ihre Mietverträge unterschrieben. Am Bahnhof, dem Aushängeschild der Stadt und zukünftigen Verkehrsknotenpunkt, hängen viele klein- und mittelständische Hoffnungen. Dafür wurden auch Baulärm, Staub und Dreck in Kauf genommen. Inzwischen jedoch glänzt der Bahnhof wie poliert; er besteht aus glatten, sauberen, kalten Flächen.

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Entsprechend halten sich hier auch keine Obdachlosen mehr auf. Früher, so Simone, kamen die morgens um fünf, wenn sie den Laden aufmachte, „aus allen Ecken, als hätten die in den alten Zügen geschlafen“. Die alte Halle mit den verschnörkelten Eisenträgern und dem Mosaikboden war für ein paar Stunden am Tag eine Art Ersatz-Zuhause, wo sie, so versichert Simone, eigentlich niemanden gestört hätten. Wo sollen sie auch hin? – „Nicht in die Bahnhöfe“, verkündete Bahnchef Mehdorn 2002 in einem Interview mit der BILD, die sollten „sauberer“ werden. Diesem Konzept gemäß ist auch der neue Erfurter Bahnhof nun stärker bewacht, Obdachlose werden jetzt immer weggeschickt. Nur wenn morgens um drei mal einer auf der Bank liege, meint Simone, werde auch mal ein Auge zugedrückt – so lange, bis Betrieb aufkomme, also potentielle Kunden den Ort bevölkern. Wie viel Betrieb gerade ist, dafür hat Simone innerhalb der letzten Jahre ein Feingefühl entwickelt: „Das bekomme ich schon mit, wenn ich zum Haupteingang reinkomme“.

Während neue Kunden bedient werden, höre ich dem mehrstimmigen Summen von Tiefkühltruhe, Herd und Kaffeeautomat zu. Hinter den Glaswänden ziehen Reisende klappernd ihre Rollkoffer über die Rillen der Blindenstreifen. Eine junge Frau am Nachbartisch erzählt, dass sie früher am Morgen oft eine Stunde im Café warten musste, da Fahrplan und Schulbeginn schlecht miteinander harmonierten. Simone holt die Backwaren aus dem Herd, füllt die Zuckerbehälter nach, und als sie hört, dass die junge Frau kürzlich ihre Ausbildungsstelle verloren hat, ermutigt sie sie: „Nur nicht verzagen! Weitermachen!“.

Das Café an der Ecke ist ein Anlaufpunkt für viele, die täglich im Bahnhof ankommen oder abfahren. Seit neun Jahren bietet es ihnen einen Ort, wo man nicht mehr ganz so fremd sein muss – auch wenn sich drumherum alles komplett verändert.

(Sommer 2008)

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